An der Seite gelehrter Männer - Frauen zwischen Emanzipation und Tradition

von: Sonja Häder, Ulrich Wiegmann

Verlag Julius Klinkhardt, 2017

ISBN: 9783781556041 , 297 Seiten

Format: PDF

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX Apple iPad, Android Tablet PC's

Preis: 16,90 EUR

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An der Seite gelehrter Männer - Frauen zwischen Emanzipation und Tradition


 

Denise Löwe und Sabine Reh
Das zölibatäre Leben des Fräulein Maria Lischnewska (1854-1938): „Mensch sein, heißt ein Kämpfer sein“ (S. 33-34)

Mit dieser Haltung trat Maria Lischnewska aus dem Schatten – jedoch nicht dem ihres Ehemannes. Als verbeamtete Volksschullehrerin in Preußen war sie unverheiratet, auch wenn sie in ihrem Anstellungsvertrag 1875 noch nicht den Passus hatte unterschreiben müssen, der ab 1892 in Preußen galt und bestimmte, dass sie bei Heirat entlassen werden konnte und ihre Pensionsansprüche verloren hätte. Eine regelrechte Offensive gegen diese Zölibatsklausel führte sie als zweite Vorsitzende des Landesvereins Preußischer Volksschullehrerinnen auf einer Versammlung am Rande des Internationalen Frauenkongresses im Jahre 19042: „Ich will den Lehrer sehen, dem man eine Stelle auf dem Lande anböte mit der Bedingung, daß er sich zu lebenslänglichem Cölibat verpflichten müsse. Er würde dem Staate den Dienst einfach vor die Füße werfen.“

Für die Öffentlichkeit sichtbar tritt Maria Lischnewska hier aus dem Schatten – aus dem des Staates. Im Rahmen des Familienrechts, wie es im Allgemeinen Preußischen Landrecht und später im BGB festgeschrieben war, galt im 19. und auch noch im 20. Jahrhundert, dass die Frau ohne Einwilligung des Ehemannes keine Rechtsgeschäfte abschließen durfte; der Mann konnte also zu jedem Zeitpunkt einen Arbeitsvertrag seiner Ehefrau kündigen. Dies war nicht im Interesse des Staates als Arbeitgeber: „Das Recht des Ehemanns über die Gattin kollidierte hier mit dem Anspruch des Staates, frei über seine ‘Staatsdienerinnen’ verfügen zu können“4. Die Zölibatsklausel kann daher als Versuch verstanden werden, die Staatsdienerin aus der Obhut des Ehemannes zu lösen, indem nun auf dem Verwaltungswege zementiert wurde, dass sie einem anderen unterstellt war, nämlich dem Staat.

Maria Lischnewska trat aber nicht nur aus dem Schatten. Vielmehr opponierte sie gegen den Staat und die Begrenzungen, die dieser den Frauen setzte. Sie kämpfte für die Aufwertung ihres Berufsstandes, für gleiche Rechte der Lehrerinnen und die Möglichkeit der Frauen, sowohl Ehefrau und Mutter wie auch als Lehrerin im Staatsdienst tätig sein zu können – und schließlich auch noch für das Recht auf eine erfüllte Sexualität. Das war viel, vielleicht zu viel – in ihren Forderungen war Maria Lischnewska unbequem, durchaus streitbar und bildete auch innerfamiliär einen Gegenpol zu ihren Schwestern Clara und Anna, die ebenfalls als Volksschullehrerinnen arbeiteten. Zwar führten alle drei Frauen ihr zölibatäres Leben gemeinsam, die beiden jüngeren Schwestern scheinen sich mit der Lage aber eher arrangiert zu haben und blieben im Schatten eines Staates, der noch über ihr privates Leben bestimmte. Wie die meisten Lehrerinnen zu dieser Zeit waren sie wohl glücklich über die Möglichkeit, überhaupt einen – und zwar einen geliebten und mit einem Bildungsversprechen verbundenen – Beruf ausüben zu können5; die damit verbundenen Bedingungen und Einschränkungen nahmen sie mehr oder weniger schicksalsergeben in Kauf.