Vom Einschluss der Ausgeschlossenen zum Ausschluss der Eingeschlossenen - Biographische Erfahrungen von so genannten Menschen mit Lernschwierigkeiten

von: Gertraud Kremsner

Verlag Julius Klinkhardt, 2017

ISBN: 9783781555914 , 314 Seiten

Format: PDF

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 4,90 EUR

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Vom Einschluss der Ausgeschlossenen zum Ausschluss der Eingeschlossenen - Biographische Erfahrungen von so genannten Menschen mit Lernschwierigkeiten


 

1 Rahmung der Studie: Ziele, Relevanz und Forschungsstand (S. 18-19)

1.1 Forschungsziele und Forschungsfragen

Um die Zielsetzungen des vorliegenden Forschungsberichtes illustrieren zu können, werden diese anhand der gewählten Fragestellung wie auch der damit zusammenhängenden Subfragestellungen erörtert. Die tatsächliche Entwicklung dieser Fragestellungen erfolgte innerhalb des Forschungsprozesses (1) im Zuge von Datenerhebung und -auswertung als iterativen Prozess (vgl. Mey & Mruck 2011, 23) im Sinne situationsanalytischen Vorgehens (vgl. Clarke 2011 & 2012), vor allem aber und parallel dazu (2) im Rahmen der inhaltlichen Ausverhandlungsprozesse im Rahmen des inklusiven Forscher*innen-Teams. Sie sollen an dieser frühen Stelle jedoch dennoch kurz umrissen werden, um für den*die Leser*in einen besser nachzuvollziehenden Bogen für den Gesamtverlauf des Textes spannen zu können. Detaillierte Ausführungen zur Entwicklung der (Sub-)Fragestellungen fi nden sich in Kap. 4.1.4.

Die dem gesamten Forschungsprojekt zu Grunde liegende Forschungsfrage lautet wie folgt: Wie erleben bzw. erfahren Menschen mit Lernschwierigkeiten institutionelle und personale Strukturen im Kontext der Betreuung in (Groß-)Einrichtungen und inwiefern hat sich dieses Erleben im Laufe ihres Lebens verändert?

Ziel dieser Fragestellung ist, herauszufi nden, auf welche Weise sich das Erleben bzw. Erfahren (auf beide Begriff e wird in Kap. 4.1.1 detailliert eingegangen) institutioneller und personaler Strukturen im Rahmen sich verändernder Systeme der Behindertenhilfe zeigt – und zwar aus der Perspektive der dort untergebrachten Personen. In den Blick genommen werden damit explizit subjektive Empfi ndungen, und das heißt im Umkehrschluss auch, dass die vorgelegte Studie keinesfalls den Anspruch stellt, allgemein gültige „Wahrheiten“ oder „Tatsachen“ (wie auch immer diese zu defi nieren wären) darstellen zu wollen.

Die Personen, die dazu befragt wurden, berichten nicht nur über ihre aktuelle Lebenssituation, sondern ebenso über die Vergangenheit, die sie zumindest partiell in „totalen Institutionen“ (Goff man 1973) verbrachten. Zur Rekonstruktion dieser beiden Aspekte wurde ein biographischer Ansatz gewählt, welcher unter Berücksichtigung der gesamten Lebensgeschichte der befragten Personen einen Zugang zu deren konkreten Lebenswelten ermöglichen soll. Weil Menschen mit Lernschwierigkeiten bisher selbst kaum zu Wort kamen (vgl. Buchner & Koenig 2008), wird durch den biographischen Ansatz auch das Ziel verfolgt, Wissen zu schaff en, das sich mit den Bedingungen des Lebens mit dem Etikett „Behinderung“ auseinandersetzt. Method(olog)ische Überlegungen werden im Rahmen der gewählten Fragestellung ebenfalls fokussiert: Sofern die method(olog)ische Herangehensweise dem Gegenstandsbereich angemessen und den Gütekriterien qualitativer Forschung genügen muss, diese dabei auch auf den zu interviewenden Personenkreis zugeschnitten und forschungsethischen Kriterien entsprechen soll, müssen Instrumentarien und Methoden, aber auch Forschungszugänge entwickelt werden, die diesen Anforderungen gerecht werden. Da es sich bei den befragten Personen um Menschen handelt, denen bisher kaum zugetraut wurde, sich hinsichtlich der eigenen Wünsche und Bedürfnisse Gehör zu verschaff en und die deshalb als „lost voices“ (Atkinson & Walmsley 1999, 203) bezeichnet werden können, muss method(olog)ischen Überlegungen besondere Sorgfalt zukommen, wie im Kap. 4 ausführlich dargestellt werden wird.

Dem gesamten Forschungsprojekt wohnt die Verpfl ichtung zu sorgfältiger forschungsethischer Refl exion inne, welche im Rahmen der formulierten Fragestellungen ebenfalls benannt werden muss. Neben vielen weiteren Aspekten sei an dieser Stelle vorerst vor allem auf die besondere Sensibilität der erhobenen Daten verwiesen, ebenso wie auf die weitgehend (versucht) vermiedene bzw. zumindest kritisch refl ektierte Reproduktion von Machtverhältnissen innerhalb des Forschungsprozesses. Damit in engem Zusammenhang steht auch das Ziel, durch die Mitarbeit an einem Projekt, das sich als „Forschung so inklusiv wie möglich“ beschreibt, einen konkreten Nutzen für die Forschungsteilnehmer*innen sichtbar zu machen und diese nicht als bloße Datenlieferant*innen und Forschungsobjekte zu betrachten (vgl. z.B. Walmsley & Johnson 2003; Dowse 2009). Wenngleich forschungsethische Überlegungen die gesamte vorliegende Arbeit rahmen, wird diesen in Kap. 4.3 explizit Raum gegeben.